Roman · Der Anfang · in Arbeit
Novara, die erste Stadt
Generationen haben in der Tiefe gelebt, ohne je den Himmel zu sehen. Dann steigen drei von ihnen hinauf: Arkus, der improvisiert, Veyron, der zweifelt, und Lyra, die zuhört. Oben finden sie Ruinen, ein Wesen mit zu vielen Gelenken, und Relikte, deren Linien auf sie antworten. Sie könnten zurückgehen. Sie bleiben.
„Dann ist es wenigstens unser Fehler.“Manuskript in Arbeit
Worum es geht
Die Oberwelt ist nicht feindlich. Sie ist verlassen. Graue Schleier ziehen wie Narben über den Himmel, als hätte jemand versucht, die Welt zu flicken, und dabei aufgegeben. Zwischen den Trümmern liegt Technik von vor dem Bruch: nicht zerfallen, sondern bewahrt. Die Relikte erschaffen nichts. Sie leiten um. Alles, was man nutzt, kommt von irgendwo, und fehlt dort.
Aus Metallplatten, Streben und Kabeln entsteht Novara. Erst ein Lager, dann Regeln, dann Gesetze. Und als das große Wesen zurückkehrt, nicht um anzugreifen, sondern um zuzusehen, muss die Stadt zum ersten Mal zeigen, dass sie mehr kann als überleben.
- Der erste Lichtstrahl
- Novara
- Der erste Morgen
- Die Tiefe erinnert sich
- Ankunft in Novara
- Was unter uns liegt
- Die ersten Regeln
- Der Preis
- Die ersten Gesetze
- Die erste Verteidigung
Leseprobe · Kapitel 1, Der erste Lichtstrahl
Der Himmel war nicht so, wie Arkus ihn sich vorgestellt hatte. In seinen Gedanken war er eine einzige offene Fläche gewesen, weit und endlos, ohne die Risse und Stützen, die jeden Raum seines bisherigen Lebens durchzogen hatten. Stattdessen zogen graue Schleier wie Narben über das Firmament. Zwischen ihnen glühte ein fahles Licht, als hätte jemand versucht, die Welt zu flicken – und dabei aufgegeben. Arkus suchte nach einer Stelle, an der dieses Grau endete. Sein Blick wanderte höher, bis es im Nacken zog, doch über ihm kam nur noch mehr Himmel.
Seine Finger umklammerten noch immer den Rand des Schachts. Der dunkle Stein hatte ihm die Handballen aufgerieben, und als er sich hochstemmte, rutschte sein rechter Stiefel auf dem letzten Vorsprung ab. Er schlug mit dem Knie gegen die Kante, biss die Zähne zusammen und schob sich weiter, bis er festen Boden unter beiden Füßen hatte. Erst dann ließ er los. Hinter ihm fielen kleine Steine in die Tiefe; ihr Klappern begleitete ihn noch, als er bereits den ersten Schritt ins Freie machte.
Die Luft war warm und trocken. Sie strich ihm über das verschwitzte Gesicht, bewegte die dunkelbraunen Haare vor seinen Augen und trug einen feinen Staubfilm auf seine Lippen. Arkus atmete tief ein. Er hatte erwartet, dass dieser erste Atemzug etwas verändern würde. Stattdessen kratzte es in seiner Kehle, und er musste husten.
„Das soll also die Oberwelt sein“, brachte er hervor.
Er hob die Hand gegen das Licht und spreizte die Finger. Zwischen ihnen lag dieselbe grenzenlose Weite, die er nicht recht begreifen konnte. Probeweise schloss er die Hand, als ließe sich ein Stück davon greifen. Die Geste war albern, und normalerweise hätte er selbst zuerst darüber gelacht. Diesmal blieb seine Faust einen Moment länger erhoben. Nichts hinderte ihn daran, den Arm noch weiter auszustrecken.
„Sieht kaputt aus“, murmelte er schließlich.
„Sieht besser aus als unten“, kam es hinter ihm. Veyrons Stimme klang gepresst. Eine Hand erschien am Schachtrand, suchte Halt und schob dabei einen losen Brocken zur Seite.
Arkus ließ den Arm sinken. „Das ist keine hohe Messlatte.“
„Dann komm doch wieder runter. Hier kannst du dir wenigstens den Kopf daran stoßen.“
Arkus drehte sich um und packte Veyrons ausgestreckten Unterarm. Der Zug brachte ihn einen halben Schritt nach vorne; er stemmte die Fersen in den sandigen Boden, während Veyron sich mit dem anderen Arm hochdrückte. Gemeinsam schafften sie es über die Kante. Veyron blieb kurz auf einem Knie, den Kopf gesenkt, und zog Luft durch die Nase. Staub hing in seinem blonden Haar und zeichnete die Nähte seiner schlichten Jacke nach.
„Du hättest auch etwas mithelfen können“, sagte Arkus und rieb sich die Hand.
Veyron sah zu ihm auf. „Beim Hochziehen oder beim Himmelanfassen?“
Arkus wollte antworten, doch aus dem Schacht wurde ein Rucksack gegen Veyrons Bein geschoben. „Beim Platzmachen“, sagte Lyra von unten. „Ihr könnt euch später gegenseitig bewundern.“
Veyron nahm ihr das Gepäck ab, während Arkus sich erneut hinunterbeugte. Lyra fand seinen Arm, setzte einen Fuß gegen den Stein und zog sich mit seiner Hilfe heraus. Eine Naht an ihrem Ärmel blieb an der Kante hängen. Sie löste sie vorsichtig, bevor sie ganz aufstand, und strich mit dem Daumen über den herausgezogenen Faden. Dann hob sie den Kopf.
Arkus beobachtete, wie ihre Hand am Ärmel still wurde. Der Wind löste eine dunkelrote Locke aus ihrem Haar und trieb sie ihr vor den Mund, doch sie strich sie nicht weg. Sie stand dicht neben ihm, kleiner als er und Veyron, und blickte so weit nach oben, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurückmachte. Arkus legte ihr eine Hand zwischen die Schulterblätter; hinter ihren Fersen begann bereits wieder die Öffnung.
„Vorsicht.“
Lyra nickte, ohne ihn anzusehen. Erst nach einer Weile sagte sie: „Man denkt, man müsste sich irgendwo festhalten.“
Arkus nahm die Hand wieder weg. Genau das hatte er nicht aussprechen wollen.
Veyron war inzwischen aufgestanden. Auch er sah zum Himmel, länger, als Arkus erwartet hatte. Für einige Atemzüge sagte keiner von ihnen etwas. Generationen hatten unter Stein gelebt, hatten Gänge verbreitert und Decken abgestützt, ohne je zu erfahren, wie es sich anfühlte, unter nichts zu stehen. Arkus spürte noch den Druck des Schachtrands in seinen Händen. Der Weg hierher hatte aus Griffen bestanden, aus Vorsprüngen und der Frage, wohin er als Nächstes den Fuß setzen konnte. Für das, was jetzt vor ihm lag, fehlte ihm jede Vorstellung von Entfernung.
Das Land stieg zu ihrer Rechten an, ein trockener Hang mit freiliegendem Gestein und Sand in den flachen Senken. Zur Linken verlor sich die Ebene im staubigen Licht. Dazwischen standen drei Ruinen, weit genug voneinander entfernt, dass Arkus jede einzeln betrachten konnte. Die nächste bestand aus hellen Steinblöcken; zwei Wände und ein breiter Durchgang hatten die Zeit beinahe unversehrt überstanden. Weiter hinten ragten wenige Säulen zwischen verstreuten Quadern auf. Von der dritten Anlage war nur ein Schutthaufen geblieben, dessen gebrochene Kanten dunkle Schatten auf den Boden warfen.
„Da haben Menschen gelebt“, sagte Lyra.
Arkus sah zu der hellen Ruine. Neben dem Durchgang lagen umgestürzte Blöcke, einige größer als sein ganzer Körper. Jemand musste sie behauen, hergebracht und aufeinandergesetzt haben. Der Gedanke machte den Ort für einen Augenblick weniger fremd. Er versuchte sich vorzustellen, wie jemand durch diesen Eingang trat, ohne stehen zu bleiben und den Himmel anzusehen.
„Vielleicht ist noch etwas übrig“, sagte er.
Veyron nahm den Rucksack auf. „Dann schauen wir nach. Aber zusammen.“
Sie gingen zunächst nur wenige Schritte. Unter Arkus’ Sohlen knirschte Sand, der über festem, rissigem Boden lag. Er prüfte jeden Tritt, obwohl nichts nachgab. Hinter ihnen blieb der Schacht als dunkler Einschnitt im Hang zurück. Von hier aus sah die Öffnung kleiner aus, als sie sich beim Durchklettern angefühlt hatte. Arkus merkte sich den schrägen Stein darüber und die helle Schürfstelle, die Veyrons Stiefel hinterlassen hatte. Er wollte sie wiederfinden können.
Lyra ging neben ihm, während Veyron kurz stehen blieb, um den Riemen seines Gepäcks zu richten. Wind strich durch den leeren Durchgang der nächstgelegenen Ruine. Arkus hörte ihn über die Steinränder streichen, hörte das Schaben ihrer Schuhe und darunter ein anderes Geräusch. Er hielt an. Zunächst glaubte er, Veyron hätte den Rucksack über den Boden gezogen, doch der stand reglos hinter ihnen.
Aus Richtung der hellen Mauer kam ein trockenes Kratzen, kaum lauter als Sand auf Stein. Es zog sich ein Stück hin, verstummte und setzte erneut an. Arkus drehte den Kopf. Diesmal wusste er, dass es nicht von ihren Schritten kam.
„Sag mir, dass du das auch hörst.“
Das Manuskript wird noch geschrieben und überarbeitet. Wenn es fertig ist, erscheint zuerst ein E-Book.
Aus derselben Welt
Das Spiel ASHEN Forge macht Novaras Ruinen begehbar. Jede Regel dort ist aus dem Buch abgeleitet oder ausdrücklich als Spielentscheidung markiert. Lucid ist die Spiegelgeschichte: Traum statt Tiefe, dieselbe Grenze.